Bergell_Blog

Ansichten einer Reisenden

Neue Hängebrücke für Bondo

Normalerweise entstehen sie als touristische Attraktionen – Hängebrücken in der Schweiz. Egal ob am Aletsch- oder am Triftgletscher; der Peak Walk bei Les Diablerets oder der Cliff Walk bei Engelberg. Hier geht es um noch mehr Nervenkitzel und spektakuläre Aussichten für die Gäste. Oder anders formuliert, um die Ausstattung der Alpen als Freizeitpark. Um die Eventisierung des Naturerlebnisses.

Ganz anders jetzt die Hängebrücke von Bondo. Sie verbindet das vom Bergsturz schwer getroffene Dorf wieder mit den Gebäuden jenseits der Bondasca, also beispielsweise den Grotti und dem Bürgermeisteramt. Sie ist weniger für Tourist*innen entstanden als für Einheimische, die mal schnell in den anderen Ortsteil wollen. Oder von der Busstation in Promontogno nach Bondo laufen. Und: Sie ist nur 83 Meter lang, einen Meter breit und auch nicht sehr hoch (vielleicht 25-30 Meter). Sie ist provisorisch und soll, wenn der Berg irgendwann Ruhe gibt und keine Muren mehr zu befürchten sind, wieder einer solideren Variante Platz machen. Nichtzuletzt ist sie mit Spendengeldern errichtet worden.

Situationsplan, Karte: Schweizmobil

Blick auf die Hängebrücke vom Ortsteil Bondo, davor der Schutzwall

Trotzdem hat sie das Zeug zum Publikumsmagneten. Nicht nur macht sie die Via Bregaglia oder auch den Rundweg Castasegna – Soglio – Bondo – Castasegna auch für den Touristen und die Touristin wieder einfacher begehbar. Sie ist vermutlich gegenwärtig die einzige Hängebrücke der Schweiz, die keine Aussicht auf ein hübsches Alpenpanorama bietet. Sie schwebt wunderbar leicht und elegant über einem Desaster, über Schutzwällen und Dämmen. Über tiefen, mit viel Kraft und Arbeit ausgegrabenen Furchen; eine kleine Schlucht, durch die heute die Bondasca wieder wie ein kleiner, unschuldiger Bach rauscht.

Holzbretter und ein Zaun vor dem Abgrund

Blick hinunter Richtung Bondo, ein Haus ist in den Schutzwall integriert

Die neue Hängebrücke demonstriert keine Dominanz des Menschen in der Bergwelt, sie strahlt keine Machbarkeit und Überheblichkeit aus. Sondern eher eine filigrane Empfindlichkeit, die genau das Gegenteil der brachialen Gewalt ausdrückt, durch die sie führt. Die Brücke erzählt von der Macht der Natur und der Ausgesetzheit des Menschen. Es macht weniger Spass, darüber zu laufen, als dass es eine Erfahrung ist, die Wissen vermittelt. Vielleicht auch nur das Wissen, dass wir gerade angesichts der Klimaerwärmung die Berge immer noch nicht ausreichend kennen. Dass wir ihnen mit Respekt begegnen sollten.

Anreise: Mit dem Bus bis Promontogno Posta. Von dort aus an den Grotti entlang Richtung Bondo.

Wie oben erwähnt, lässt sich die Überquerung Brücke in sehr hübsche Wanderungen einbinden:

Entweder der Via Bregalia entlang (von Promotogno aus Richtung Norden nach Caccior und Stampa; von Bondo aus nach Süden Richtung Castasegna und weiter bis Chiavenna). Oder auf dem Rundweg Castasegna – Soglio – Bondo – Castasegna (ca. 3 Stunden).

Bergsturz, später. Nach der Katastrophe von Bondo

Es ist still geworden um Bondo. Das hat einerseits mit der medialen Berichterstattung zu tun. Weder in den Zeitungen noch im Fernsehen erscheinen mehr als nur Notizen. Und diese haben meist mit sympathischen Spendenaktionen zu tun: So weiss die Luzerner Zeitung, dass der Zuger Regierungsrat grosszügig 50’000 Franken für Bondo bewilligt hat. Die Aargauer Zeitung berichtete, dass eine Brugger Coiffeuse für Bondo gesammelt hat. Dieser nachhaltige Zuspruch und die vielen kleinen Aktionen haben die Gemeinde Bergell extrem gefreut; sie finanzieren viele wichtige Projekte und Reparaturarbeiten. Aus dem Bergell selbst aber haben Journalisten kaum berichtet.

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Pro Billag in der Bergregion

Ein Grund für mich, diesen Blog zu schreiben, ist die miserable Präsenz des Berggebiets in den Medien. Denn die  werden hauptsächlich in den grossen Städten produziert, wo sie viele Abonnentinnen & Käufer, Zuschauerinnen und Zuhörer finden. Zürich beispielsweise, wo ich bislang gewohnt habe, ist ein Medienparadies. Hier sitzen mit Ringier, Tamedia & der NZZ gleich drei riesige Player. Hier gibt es viele kleinere Zeitungen und innovative Medienprojekte. Hier ist der Sitz des deutschsprachigen Schweizer Fernsehens, aber auch vieler kleinerer TV- und Radiosender. Das ist eine mediale & politische Vielfalt, unter der ich jeden Tag mit Freude gewählt habe.

Prinzipiell ist diese lokale Konzentration in städtischen Räumen in Ordnung – auch mir leuchtet ein, dass Medienproduktion viele kreative Köpfe braucht und noch mehr Abnehmer*innen, die bereit sind, dafür zu zahlen. Dass Anzeigen und Werbung dort fliessen, wo viele Kaufkräftige sich tummeln. Dass mediale Projekte in Räumen entstehen, wo sie von anderen Trägern durch Gedanken- und Meinungsaustausch profitieren. Schwierig finde ich dagegen die mangelnde mediale Vielfalt im Berggebiet.

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Hors saison

Es gibt eine Zeit, die existiert nicht. So wenig jedenfalls, dass es im Deutschen kein Wort dafür gibt – hors saison, die Zeit «ausserhalb der Saison» oder die «keiner Saison». Im Englischen spricht man von einer «dead season» wie auch im Italienischen: «stagione morta» – die tote Zeit.

Aber: Warum sie überhaupt benennen und beschreiben? Es ist offenbar eine Unzeit, die es nur in Gegenden gibt, die hauptsächlich vom Tourismus leben. In der Schweiz sind das insbesondere die Bergregionen. Hier richtet sich alles nach den Gästen, die mehr oder minder zahlreich auftauchen. Es gibt die Haupt- und die Nebensaison, die Winter- und Sommersaison, die Ski- und die Wandersaison. Und dann eben noch die Zeit dazwischen.

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Produzieren statt konsumieren

Was mich immer wieder frappiert, wenn ich hinunter in die Städte komme, ist der Konsum. Schon am Bahnhof gibt es rechts und links unzählige Läden, in denen man sich für die Reise verpflegen kann: Hier Brezeln, Sandwiches, Donuts, dort Kaffee, Zigaretten, Zeitschriften. Tritt man aus der Bahnhofshalle, sind die flächendeckenden Schaufenster und Reklamen überwältigend. Geschäftig laufen Menschen zwischen ihnen, Einkaufstüten in der Hand & Handys am Ohr. Es ist relativ schwer, sich dieser Konsumwelt zu entziehen – sucht man einen Ort für die Pause, geht es ins Starbucks. Will man etwas unternehmen, geht es shoppen. Fast scheint es, als werde man in der Stadt nur noch als Konsument angesprochen.

In den Bergen ist das definitiv anders.

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Gastblog bei Whatsalp zur Katastrophe von Bondo

Heute gibt es hier keinen langen Text, denn ich durfte als Gastautorin bei whatsalp im Blog schreiben. Für alle, die noch nicht wissen, was whatsalp ist: Seit Anfang Juni wandert eine Gruppe Menschen durch den ganzen Alpenbogen; sie erkundigen sich dort nach den Lebensbedingungen, nach landschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen.

Bereits 1992 sind sie die Strecke von Wien nach Nizza gelaufen, so können sie heute vergleichen – was hat sich getan? Welche Verkehrsprojekte sind realisiert worden? Wo gab man der Natur den Vorzug? Wo dem umweltfreundlichen und nachhhaltigen Wirtschaften? Ende Juli war die Truppe in Salecina / Maloja und hat dort unter dem Titel «Berggebiete wohin?» darüber diskutiert, welche Rolle die Kultur bei der Entwicklung der Bergregionen übernehmen kann.

Fast täglich schreiben sie auf ihrem Blog und dokumentieren per Foto und Video. Schaut doch mal rein: whatsalp.

Spendenaufruf: Die Katastrophe von Bondo

Zunächst einen grossen Dank – an alle, die hier ermutigende Worte in den Kommentaren geschrieben haben. Und meinen Post über Facebook & Co weitergeleitet haben. Und gute Vorschläge gemacht haben, wie man in Bondo helfen kann. Einen davon werde ich sofort aufgreifen: die Kontonummer für Spenden veröffentlichen. Auch weil sie in Fernsehen und Zeitungen bislang nicht erschienen ist:

BANK: Graubündner Kantonalbank

EMPFÄNGER: Comune di Bregaglia, Casella postale 36, 7606 Promontogno

STICHWORT: Donazioni per frana Cengalo

IBAN: CH33 0077 4010 0577 1811 2

BIC: GRKBCH2270A

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Requiem für ein Tal: Die Katastrophe von Bondo

Jetzt ist es passiert: 4 – 5 Millionen Kubikmeter sind am Cengalo abgebrochen. Die Katastrophe war angekündigt; es war bekannt, dass der Berg sich bewegt. Auch hatte man gemerkt, dass insbesondere Gewitter die Steine bis nach Bondo spülen. Die Gemeinde hat sehr viel Geld in die Hand genommen und ein riesiges Ausgleichsbecken gebaut. Manche haben seine Grösse belächelt.

Jetzt war es nicht gross genug. Und insbesondere der Abfluss hin zur Maira unter der Kantonsstrasse war viel zu eng. Die Brücke nicht hoch genug. Die Betonmauer nicht lang genug. Der ganze Weg ins Bondascatal ist überschwemmt und weggerissen. Es gibt Vermisste, für die niemand mehr hoffen kann. Aber konnte man mit derartigen Murgängen direkt nach dem Bergsturz rechnen? Damit, dass gleichzeitig mit dem Stein so viel Wasser oben im Fels herausbrechen kann? Von dieser Katastrophe werden wir für die Zukunft lernen müssen.

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Der Bergell_Blog ist online!

Willkommen auf dem Bergell_Blog, einer völlig neuen Infoseite über meine Wahlheimat Bergell (italienisch: Bregaglia). Sie ist zuallererst eine Liebeserklärung an ein kleines Tal auf der Südseite der Schweizer Alpen, das mich mit seiner Schönheit und Lebendigkeit, seiner Verbindung von Natur und Kultur mehr als überzeugt hat.

Ich möchte hier nicht Touristin bleiben, sondern in diesem speziellen Berggebiet leben und arbeiten. Und ich möchte dieser Landschaft und ihren BewohnerInnen, von der ich mich reich beschenkt fühle, etwas zurückgeben: in Bildern und Texten, mit kleinen Infos und Einblicken. Und vielleicht ein klein wenig zum Austausch zwischen Berggebiet und Stadt beitragen.

Der Blog versteht sich nicht als Konkurrenz zur offiziellen Tourismus-Webseite des Bergells, sondern will eine produktive, subjektive Ergänzung sein, von Tourist zu Tourist. Er ist ein work in progress, noch sind nicht alle Seiten geschrieben. Deshalb: Schaut immer mal wieder vorbei! Und: Rechts im Kontaktfeld kann man diesen Blog abonnieren.

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