Auch 2018 verspricht wieder ein spannender Kultursommer zu werden. Mit interessanten Ausstellungen, Lesungen, Filmvorführungen und Vorträgen. Wer einen Veranstaltungskalender sucht, ist auf der Agenda-Seite von LaBregaglia (dem Online-Magazin fürs Bergell in italienischer Sprache) sehr gut aufgehoben. Ich werde hier eher auf langfristige Veranstaltungen hinweisen.

Giovanni Giacometti, La posta / Die Post, attorno al 1907; mit Genehmigung Società culturale di Bregaglia
Giovanni Giacometti, La posta / Die Post, attorno al 1907; mit Genehmigung Società culturale di Bregaglia

Giovanni Giacometti e Cuno Amiet – un'amicizia

Künstlerfreundschaften sind keine einfache Angelegenheit. Sie stehen einerseits für ein grosses Interesse aneinander, das durch Lebenslinien, Charakter und Kreativität bestimmt wird. Sie können aber auch für heftige Konflikte und Konkurrenzen sorgen. Dass sie ein ganzes Künstlerleben dauern, ist deshalb selten.

Der Bergeller Giovanni Giacometti und der Soloturner Cuno Amiet lernten sich 1887 in München als junge Kunststudenten kennen und erst der Tod von Giovanni 1933 trennte die Freunde wieder. Dazwischen lagen Jahre, in denen die beiden sich privat näher kamen. Sie waren sich gegenseitig Trauzeugen und Paten für die Kinder; sie verbrachten viel Zeit miteinander, egal ob in Paris oder im Bergell. Sie schrieben sich unendlich viele Briefe. Und sie setzten sich mit den künstlerischen Strömungen ihrer Zeit auseinander, dabei entsteht Ähnliches doch ganz anders.

Diesen Vergleich macht jetzt eine kleine aber sehr feine Ausstellung in der Ciäsa Granda in Stampa sichtbar, die von den Kunsthistorikern Beat Stutzer und David Wille zusammengestellt wurde. Gegenseitige Porträts, Winterlandschaften, verschlafene Dörfer, Mütter mit Kindern – beide Maler haben diese Sujets aufgegriffen. Und diese Gemeinsamkeit schafft die Möglichkeit, Differenzen zu erkennen. Wo der eine auf Licht und Schatten setzt (Amiet), betont der andere (Giacometti) die Farben. Wo Amiet eine Lieblichkeit der Landschaft in Szene setzt, drohen bei Giacometti die Naturgewalten.

Es macht sehr viel Freude, diese sinnvoll moderierten Ausstellung anzuschauen. Zudem ist ein kleiner Katalog mit zahlreichen Abbildungen und unaufgeregten Texten erschienen.

  • Wo: Ciäsa Granda, Stampa (direkt an der Hauptstrasse)
  • Wann: Juni, September & Oktober von 14–17h, Juli & August von 11-17h, Dienstag geschlossen
  • Katalog mit 67 Abb. für CHF 20.00
Innenraum der ehemaligen Tankstelle von Castasegna
Innenraum der ehemaligen Tankstelle von Castasegna

ARTE CASTASEGNA

Seit mehreren Jahren schon veranstaltet der Verein «Progetti d'arte in Val Bregaglia» spannende – ja, eben nicht «Ausstellungen», sondern, wie sie selbst sagen «Kunstanlässe». Künstler*innen werden jeweils eingeladen, sich mit einem Ort im Bergell auseinanderzusetzen. Das kann ein Hotel sein (wie zwischen 2010–2013), ein Palazzo (2013 & 2015) oder gleich eine ganze Hochgebirgslandschaft (wie 2017 mit «Arte Albigna»).

Dieses Jahr bespielt man nach einem ähnlichen Konzept ein ganzes Dorf, Castasegna, das an der Grenze zu Italien liegt. Für mich liegen die spannendsten Momente des Projekts darin, dass sich private, sonst geschlossene Räume plötzlich öffnen: Eine alte Tankstelle, die längst nicht mehr in Betrieb ist. Ein Negozio, der seit mehr als dreissig Jahren geschlossen hat. Eine uralte Waschküche, die noch viel länger niemand mehr benutzt. Das erstaunliche daran: sie sehen heute noch aus, als hätte erst gestern jemand die Türe abgeschlossen und wäre gegangen. Die Inneneinrichtungen sind vollständig und lösen deshalb Zeitreisen aus – in zurückliegenden Jahrhunderte oder nur die 50er, 60er Jahre. Plötzlich kann man sich vorstellen, wie es sich anfühlte, als die Kantonsstrasse noch mitten durchs Dorf ging. Oder wie schwer die Wäsche im Kessel gewesen sein muss.

Dass hier nebenbei noch Kunst stattfindet, ist manchmal sekundär. Mir hat auch etwas die Auseinandersetzung mit der Grenze gefehlt oder auch mit Tourismus & Verkehr. Das Berggebiet hat momentan viele spannende Themen zu bieten, die man dann vielleicht selbst abseits der Pfade finden muss. Castasegna jedenfalls ist diesen Sommer um eine Attraktion reicher!

  • Wo: diverse Räume in und um Castasegna.
  • Wann: 18.6.–21.10.2018, täglich von 10–18h. Die Galleria il Salice ist von Mittwoch bis Samstag jeweils von 14–18h offen (oder nach Vereinbarung, +41 78 891 40 60, Davide Fogliada).