Dass Castasegna der letzte Ort auf der Schweizer Seite des Bergells ist, macht es nicht weniger interessant, ganz im Gegenteil. Das Klima auf 690 Höhenmetern ist schon fast mediteran, hier stehen Palmen, Feigen und andere Obstbäume. Die alten und neuen Zollstationen zeugen vom intensiven Handel mit den italienischen Nachbarn und anderen Reisenden. Dieser Austausch liess das Dorf zu verschiedenen Epochen florieren, das zeigt die Architektur: Neben den traditionellen Häusern aus dem 16. und 17. Jahrhundert finden sich auch viele, die erst im 19. oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Optisch ergänzen sich beide auf das Schönste und sogar die moderne Architektur spielt in Castasegna keine geringe Rolle.

Castasegna
Die zentrale Piazza in Castasegna

Castasegna lässt sich ganz wörtlich übersetzen: «Casta» von «castagna», der Kastanie, «segna» von «segnare» oder «segno», bezeichnen, markieren, das Zeichen. Der Ort liegt zwischen Kastanienhainen, es sind die grössten in ganz Europa. Ihre Kultivierung ist eine Wissenschaft für sich, die Bäume brauchen viel Pflege, genauso wie der Rasen, der unter ihnen liegen muss (damit später die Kastanien sanft fallen und keinen Schaden nehmen) und die Landschaft wie einen Park aussehen lässt. Sicher sind hier englische Adlige vorbeigekommen und haben sich die Ideen für ihre Gärten mitgenommen. Spannend ist auch der Lehrpfad durch den «Brentan» – man spaziert für eine knappe Stunde und erfährt so manches über die Veredelung, die Ernte und die Verarbeitung der Kastanie in den «cascine» genannten Hütten.

Der Kastanienwald / Brentan in Castasegna, Blick auf die Sciora-Gruppe
Blick vom Brentan auf die Sciora-Gruppe
Castasegna Brentan: im Frühling dominiert das Grün
Castasegna Brentan: im Frühling dominiert das Grün

Genausowichtig wie die Kastanie ist aber die Grenze, die schon erstaunlich lange genau am Lovero-Tobel liegt, auch wenn sich die historischen Namen der Herrscher und Herrschaftsgebiete immer wieder änderten. Sie liess in Castasegna Kasernen, Zollstationen, Geschäfte und einige Hotels entstehen – heute existiert noch das Garni Post, im «Weissen Kreuz» ist die Produktion der Soglio-Produkte untergebracht.

Das architektonische Highlight des Ortes ist allerdings die Villa Garbald, ein Herrenhaus, das der deutsche Architekt Gottfried Semper für den ansässigen Zollinspektor Agostino Garbald und seine Frau, Johanna Garbald-Gredig entwarf (die als Schriftstellerin wirkte, vgl. auch die Seite Wanderliteratur). Das Haus wirkt im Gegensatz zu vielen Semper-Bauten nicht pompös, sondern zeitlos elegant. Es ist das einzige Gebäude von Semper, das südlich der Alpen steht, allerdings war er selbst nie vor Ort. Durch das Engagement einer Stiftung ist das Haus nicht nur renoviert, sondern durch ein modernes Gebäude von Miller / Maranta ergänzt worden; die Villa dient heute als Seminar- und Kulturzentrum.

Die Villa Garbald in zartem Rosé, im Hintergrund der »Roccolo» von Miller / Maranta
Die Villa Garbald in zartem Rosé, im Hintergrund der »Roccolo» von Miller / Maranta

Aber auch als Dorf hat Castasegna grossen Charme: Es teilt sich in die Ortsteile Brentan (mit einer Arbeiter-Siedlung des Architekten Bruno Giacometti), der zu Füssen des Kastanienhains liegt; in den Boscaia (tief an der Meira gelegen, waren hier früher hauptsächlich die Nutzgärten und Ställe) und das Villaggio. Diese verkehrsberuhigte Hauptstrasse kann man gut entlang spazieren, denn den Durchgangsverkehr hat man unter eine Gallerie geschickt. Hier entdeckt man Kirchen aus mehreren Jahrhunderten, alte Brunnen und gepflegte Gärten. Nach Westen hin öffnet sich das Dorf und die Häuser stehen nun weiter auseinander: Sie sind erst Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, wie das Schul- und Ratshaus.

Castasegna Brunnen
Alter Brunnen in Castasegna

Was mir an Castasegna besonders gefällt, ist das Zusammenspiel der Farben: sanftes Gelb und abgetöntes Weiss, helles Rosé und nachgedunkeltes Holz, zartes Oliv und kräftiges Waldgrün. Dazu das Grau der Steine. Besonders ist aber auch die Lebendigkeit des Dorfs: Die Einheimischen sitzen zusammen im Café und schwatzen, man trifft sich beim Einkaufen, beim Yoga oder Turnen, man veranstaltet Feste & Flohmärkte. Und anders als in vielen kleinen Dörfern hat man hier auch für Touristen und Zugereiste ein offenes Ohr.

Im Wegenetz des Bergells funktioniert Castasegna oft als Endpunkt einer Wanderung, man kann aber auch gut von hier aufbrechen: Entweder westlich nach Chiavenna und Savogno, oder gegen Osten auf der Via Bregaglia oder Richtung Soglio. Eine Orientierung nach Nord oder Süd ist sportlich: wer will kann bis zu 2000 Höhenmeter hinter sich bringen.