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Ansichten einer Reisenden

Requiem für ein Tal: Die Katastrophe von Bondo

Jetzt ist es passiert: 4 – 5 Millionen Kubikmeter sind am Cengalo abgebrochen. Die Katastrophe war angekündigt; es war bekannt, dass der Berg sich bewegt. Auch hatte man gemerkt, dass insbesondere Gewitter die Steine bis nach Bondo spülen. Die Gemeinde hat sehr viel Geld in die Hand genommen und ein riesiges Ausgleichsbecken gebaut. Manche haben seine Grösse belächelt.

Jetzt war es nicht gross genug. Und insbesondere der Abfluss hin zur Maira unter der Kantonsstrasse war viel zu eng. Die Brücke nicht hoch genug. Die Betonmauer nicht lang genug. Der ganze Weg ins Bondascatal ist überschwemmt und weggerissen. Es gibt Vermisste, für die niemand mehr hoffen kann. Aber konnte man mit derartigen Murgängen direkt nach dem Bergsturz rechnen? Damit, dass gleichzeitig mit dem Stein so viel Wasser oben im Fels herausbrechen kann? Von dieser Katastrophe werden wir für die Zukunft lernen müssen.

Später wird sie das Tal Bergell noch lange beschäftigen, denn ihre Auswirkungen sind nicht vorbei, wenn sich der Medienhype erledigt hat. In Bondo sind Häuser zerstört, wichtige Firmen wie eine Schreinerei überschwemmt, das Gemeindehaus und das Bürgermeisteramt haben nasse Füsse. Einige Menschen werden weder in ihr Haus noch an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

Für viele mag das Bergell im hintersten Zipfel der Schweiz liegen. Trotzdem ist es eine wichtige Verbindung nach Italien. Was wird aus der vielbefahrenen Kantonsstrasse? Sie ist die Zufahrt zum Engadin, nicht nur für Einheimische, sondern auch für viele Pendler*innen aus Chiavenna, die oben in zahlreichen Hotels arbeiten. Sie ist auch die kürzeste Strecke ins Mittelland für Schweizer Touristen.

Das Bondasca-Tal ist komplett verschüttet und verwüstet. Vermutlich wird hier lange kein Wanderer einen Fuss hineinsetzen, auch in die Hütten Sciora & Sasc Furä nicht. Ich habe es wirklich gemocht, diese Mischung aus Lieblichkeit und Härte, aus Wasser, Fels und tiefgrüner Vegetation. Aber man muss sich – zumindest auf geraume Zeit – verabschieden.

Nicht verabschieden sollte man sich vom Bergell. Es braucht heute und auch morgen jede Unterstützung. Es ist im Moment schwierig hier zu sein. Noch schwieriger herumzukommen und «normal» zu funktionieren und zu arbeiten. Aber lasst uns nicht im Stich. Schaut immer mal wieder hier vor Ort vorbei und seht, was sich verändert hat. Wie die Gemeinde und der Kanton und viele mutige Menschen aus den Dörfern zusammen das Problem angehen. Und auch ich werde immer wieder berichten.

 

20 Kommentare

  1. Daniela patscheider

    3. September 2017 at 13:22

    Fa tanto male vedere come la natura a messo a terra la mia amatissima valle ma ce la faremo uniti e rafforzati

  2. Sehr schönes Bericht. Die Leute werden all ihre Sachen, Häuser, Zukunftspläne, Arbeitsplätze, Sicherheitsgefühl, Wohlgefühl, Geborgenheit, Kindheitserinnerungen und und und nicht alles durch den Versicherungen zurückbekommen. Die Spenden sind wichtig. Solidarität wäre aber natürlich auch unsere nächsten Ferien im Bergell zu buchen. Das (wunderschöne) Tal lebt vom Tourismus.

  3. Es ist ein sehr schöner und gleichzeitig tragischer Bericht über das schöne Bergel. Bin sehr viel dort und werde es weiterhin besuchen. Meine Nachbarn aus Bivio stammen aus Bondo.
    Ich wünsche allen viel Kraft und trotzdem eine schöne Zukunft. In Gedanken bin ich bei Euch.
    Herzliche Grüsse
    Ela Lehmann
    Bivio (GR)

  4. Werner Rüedi

    28. August 2017 at 22:14

    Schön geschrieben. Jetzt ist aber Hilfe angesagt. Nun ist es Zeit auch für unseren Schweizern zu helfen und nicht nur fürs Ausland!

  5. Walser Silvia

    28. August 2017 at 15:33

    meine beste Freundin vom Seminar in Chur 1960 kommt aus dem Bergell und mit Ihr durfte ich Leute und Tal kennen und lieben lernen. Ich wünsche allen Betroffenen viel Mut und Energie diese Katastrophe zu bewältigen! ich denke auch an die Opfer!

  6. Vielen Dank fürs Berichten. Es ist wichtig, dass berichtet wird – auf so schöne Art und Weise.

  7. Albana - A. Kind Ferla, Maloja/Bidigno

    27. August 2017 at 22:07

    Danke Allen die mitfühlend und voll Bewunderung sind für das verwundete Bergell. Doch mehr als gut geschriene Worte sind nun Taten gefragt, Hilfe und Geld.

    • Zum Thema Geld schreibt die Südostschweiz von heute: „Bereit zum Helfen im Bergell ist die Glückskette Schweiz. Mediensprecherin Daniela Toupane zufolge verfügt die Hilfsorganisation über einen Unwetter-Fonds, in dem sich drei Millionen Franken befinden. Die Mittel in diesem Fonds seien der Grund dafür, dass kein spezieller Spendenaufruf für Bondo erlassen worden sei. Die Glückskette könnte gemäss ihrer Mediensprecherin Soforthilfe im Bergell leisten, Überbrückungshilfe oder Hilfe bei der Begleichung von Restkosten. Die Hilfsorganisation warte auf konkrete Gesuche der Gemeinde Bregaglia oder von Privaten in Bondo. Mandatsträgerin der Glückskette vor Ort im Bündner Südtal ist die Hilfsorganisation Caritas.“

    • Aus labregalia.ch: „Tutte le richieste, p.es. per sostegno finanziario momentaneo, alloggio o derrate alimentari possono essere comunicate utilizzando la hotline +41 (0)81 822 60 64 dalle ore 07:00 alle ore 19:00.“

    • Die Gemeinde Bregaglia hat ein Spendenkonto eingerichtet:
      Banca Cantonale Grigione
      Comune di Bregaglia, Casella postale 36, 7606 Promontogno
      Numero del conto corrente: 10 057.718.112
      IBAN: CH33 0077 4010 0577 1811 2
      BIC (SWIFT): GRKBCH2270A

  8. Sehr gut geschrieben….

  9. Es ist schrecklich, was passiert ist. Unzählige Male war ich im Bondascatal. Ich liebte es. Seit der Kindheit habe ich Promontogno und das Bergell mehrmals im Jahr besucht. Bis 2016 war ich Zweitheimer im Bergell. Meine Grosseltern sind in Bondo begraben. 

    Und jetzt? Aus diesem so anmutigen und mächtigem Bondascatal wurde innert Minuten ein grosses Grab. Furchtbar! Das Bondascatal hat seine Unschuld verloren. Und mit ihm vielleicht auch das Bergell.

    Meine Gedanken sind ganz bei den Angehörigen. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als das Unfassbare irgendwie fassbar zu machen. Wie um Himmelswillen sollen sie Abschied nehmen von ihren Liebsten, wo diese doch möglicherweise bereits in ihrem vielleicht nie mehr auffindbaren Grab ruhen? Für sie muss das unvorstellbar hart sein. 

    Meine Gedanken sind auch bei Barbara & Reto Salis-Hofmeister von der Scoira-Hütte. Auch wenn sie keinerlei Schuld tragen am Tod ihrer Gäste müssen ihre Gedanken an das Unglück unerträglich sein. Davon zeugte eindrücklichst das kürzlich am TV ausgestrahlte Interview mit Barbara Salis-Hofmeister. Vielleicht plagt auch sie die Schuldfrage: „Hätten wir das verhindern können?“ Auch die Verantwortlichen der Gemeinde werden wahrscheinlich grübeln und grübeln. 

    Mein gesunder Menschenverstand sagt mir laut und klar: Es war ein tragisches und in diesem Ausmass nicht vorhersehbares Unglück, für welches niemand die Schuld trifft. Die Natur kann unerbittlich sein. Vielleicht haben einige das vergessen.

    Und die Bewohnerinnen und Bewohner von Bondo? Und jene von Spino? Und die jungen Familien, welche ihr Haus verloren? Oder verlieren werden, weil es an dessen Standort zu gefährlich ist, um weiterhin dort wohnen zu können? Auch ihnen gelten meine Gedanken.

    Ich bin fest davon überzeugt, dass nach gebührenden Abschiedsritualen und einer Phase des Trauerns dieses Tal und seine stolzen Bewohnerinnen und Bewohner wieder zu sich finden. In sicheren Zonen werden neue Häuser aufgebaut. Und es entsteht noch mehr: Sie werden ein neues und noch stärkeres Bergell aufbauen. Durchtränkt von noch mehr Kultur und voller Respekt vor der Natur und Ihren Gewalten. 

    Warum ich davon überzeugt bin? Die Bergellerinnen und Bergeller sind ein stolzes Völkchen. Sie sind hart im Nehmen. Das zeigt auch ihre Geschichte. Aber in ihnen schlummert auch eine unheimliche Kraft. Man denke nur an die berühmten Künstlerinnen und Künstler, welches dieses Bergtal hervorgebracht hat. Aber da ist noch viel mehr!

    Wer dieses Tal noch nicht kennt, muss wissen, dass es voller Schätze ist. Besucht und entdeckt dieses Bergtal und seine Menschen. Es lohnt sich echt. Auch wenn man fast nicht mehr davon loskommt.

    Piero Rossi
    Staufen (AG)

  10. Annamarie Gygax-Muggli

    27. August 2017 at 9:24

    Das tut weh, das zu sehen, seit einer Schulreise vor vielen Jahren fasziniert vom Bergell. Annamarie Gygax-Muggli

  11. Przykro mi, współczuję, trzymam serce aby powstać po tym co sie stało.

  12. Marion Barandun

    27. August 2017 at 8:21

    Berührende Worte! Ich wünsche Euch viel Kraft und Zuversicht, diesen Schicksalsschlag zu überwinden und dass Ihr nicht vergessen werdet.

  13. sehr schön geschrieben…….

    ,,,marco maag
    (von Muttersseite ein Giovanoli)

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