Soglio ist das vermutlich bekannteste Dorf des Bergells. Das hat viel damit zu tun, dass es von Malern wie Giovanni Segantini verewigt und von Dichtern wie Rainer Maria Rilke besungen oder in Briefwechseln in höchsten Tönen gelobt wurde.

Was aber macht Soglio so einzigartig? Wie viele Bergdörfer liegt es auf weit über dem Flusslauf des Tals – auf 1090 m –, aber wenige dürften eine solch spektakuläre Aussicht bieten. Von Soglio aus schaut man nach Südosten direkt hinein ins Bondascatal, auf die Sciora-Gruppe, den Piz Cengalo (3369m) und den Piz Badile (3305m). Wild türmen sich diese Spitzen, die bis in den Sommer hinein schneebedeckt sind, in den blauen Himmel. Als Kontrast fangen sie die sanften Weiden und Wälder Richtung Erde auf.

Blick auf Soglio, im Hintergrund die Sciora-Gruppe
Blick auf Soglio, im Hintergrund die Sciora-Gruppe

Für solche Aussichten muss man normalerweise ins Hochgebirge, in Soglio fügen sie sich ins Dorfbild wie eine Fototapete. Und auch der Blick nach Westen ist nicht zu verachten: Gerne sitzt man am späten Nachmittag bis in den Abend hier und geniesst den Blick ins Val Chiavenna und auf die Bergkette, die es vom Schweizer Misox trennt. Und man kann oft in der Sonne sitzen: Soglio liegt auf einer Sonnenterrasse, die von morgens bis abends, im Sommer und im Winter mit Licht und Wärme verwöhnt wird, während viele Tallagen im Schatten bleiben (besonders im Winter).

Weiss der Palazzo Salis rechts, links alte Salis-Häuser, hinten Casa Alta
Weiss der Palazzo Salis rechts, links alte Salis-Häuser, hinten Casa Alta
Wie ein Märchenschloss: die Rückseite der Casa Antonio (privat, nicht zugänglich)
Wie ein Märchenschloss: die Rückseite der Casa Antonio (privat, nicht zugänglich)

Vom Tal aus kann man den Ort kaum sehen, hoch über der Porta ist er bis heute gut versteckt. Nur die Kirche und die Casa 1, der einzige Bau aus dem späten 19. Jahrhundert, ragen etwas vorwitzig über den Hügel. Vielleicht ist Soglio deshalb neben Vicosoprano der geschichtsträchtigste Ort des Bergells: Hier ist der Stammsitz der Familie von Salis, die im 13. Jahrhundert vermutlich aus Como einwanderte. Heute noch stehen eindrucksvolle Palazzi aus dem 17. und 18. Jahrhundert: Der älteste ist die Casa Mezzo (1696), links daneben die Casa Battista (1701) die seit 1876 ein Gasthaus ist und damit den Tourismus im Bergell initiierte. Heute heisst sie Palazzo Salis und noch immer kann man hier in historischen Betten übernachten. In privatem Besitz ist die Casa Antonio, hier kann man nur von der Rückseite einen Blick in den wunderschönen Garten werfen. Dazwischen liegt noch der «Stallazo» – der fürstliche ehemalige Stall für die Rösser.

Soglio kann gelegentlich sehr eng sein, trotzdem sind die Gassen geschmückt
Soglio kann gelegentlich sehr eng sein, trotzdem sind die Gassen geschmückt

Wie in einem Vogelnest drängen sich die Häuser aneinander, unterbrochen von einigen Gärten und steingepflasterten Wegen. Soglio kann gelegentlich sehr eng sein, aber dann muss man sich auf den Weg machen, Wanderungen gibt es genug  – zum Beispiel auf den Panoramico, der hier endet, oder vielleicht auch hoch zu den Alpen Tombal und Plän Vest? Von Soglio aus zu gehen heisst meist, einen Auf- oder Abstieg in Kauf zu nehmen – Spazierwege, die eben verlaufen, gibt es fast nicht, bis auf die kurze Strecke nach Dascciun. Eher denn ein Aufbruchsort ist es einer für die Ankunft, nicht zuletzt auch für die grossen Passwanderungen aus dem Averstal oder über die Val da la Duana.

Unterhalb von Soglio beginnen die Kastanienhaine – eine Kulturpflanze, die von dem Römern ins Bergell gebracht und dort gepflegt wurde. Sie gehört aber eher den mediteranen Talkultur an als den luftigen Höhen, Soglio liegt klimatisch auf einer Schwelle (und vielleicht eben auch auf der Schwelle zum Paradies, wie Segantini einst gesagt haben soll).

Moderne in Soglio: Umbau eines Stalls durch Ruinelli Associati
Moderne in Soglio: Umbau eines Stalls durch Ruinelli Associati
... die in Strenge und Klarheit wiederum Durchblicke eröffnet.
... die in Strenge und Klarheit wiederum Durchblicke eröffnet.

Spannend ist auch, wie sich hier die traditionelle mit moderner Baukunst verbindet – dafür steht nicht zuletzt der hier heimische Architekt Armando Ruinelli. Er hat einerseits alten Gebäuden wie Ställen völlig neue Funktionen gegeben (sehr schön, wie die Holzlatten im Stall als Sichtschutz funktionieren, gleichzeitig das Licht durchlassen), aber auch Neubauten realisiert, die sich mit ihrer Strenge elegant ins das Bild fügen.

Zur Verbindung zwischen Tradition und Moderne gehören auch wirtschaftliche Innovationen. Hier ist die Soglio-Kosmetik ein wichtiger Faktor. Basierend auf wertvollen Rohstoffen aus den Berggebieten entstehen hier verschiedenste Cremes, Waschlotionen & Seifen, Shampoos und auch Parfums. Die Marke gilt als hervorragendes Beispiel neuen regionalen Wirtschaftens und innovativer Inwertsetzung im Alpengebiet.

Die Dächer von Soglio, Bergell
Die Dächer von Soglio, Bergell