Bezeichnet man Vicosoprano als kommerziellen Mittelpunkt des Bergells, so lässt sich Stampa als sein Kulturzentrum charakterisieren: Hier liegen die Mehrzahl der Museen, hier ist die Heimat der Künstlerfamilie Giacometti, hier kann man ihr Atelier bewundern. Allerdings erschliesst sich die Kultur nicht auf den ersten Blick, man muss sie schon zu finden wissen, denn das Bergell liebt das understatement.

Stampa selbst ist unscheinbar, eher Strassen- als Haufendorf. Und bis heute dominiert die Durchfahrt den Ort, denn Stampa hat – wie Casaccia – keine Umgehung bekommen. Ruhig ist deshalb eher der Ortsteil Coltura, der abseits auf einer kleinen nördlichen Anhöhe liegt, oder auch Borgonovo, das man knapp umfahren kann.

Das Strassendorf Stampa, vorne die Chiäsa Granda, das Talmuseum
Das Strassendorf Stampa, vorne die Chiäsa Granda, das Talmuseum

Auch das Verweilen ist nicht so einfach in Stampa: Es gibt keinen Laden (auch in den anderen Ortsteilen nicht), mit dem Val d'Arca hat aber ein kleines Hotel-Restaurant ganzjährig geöffnet und in Coltura gibt es im Sommer das improvisierte Bistro d'arte La Stala. Trotzdem zieht Stampa (neben Soglio) vermutlich die meisten Touristen im Bergell an, das liegt nicht zuletzt an dem spektakulär gelegenen Palazzo Castelmur im Ortsteil Coltura.

Das Gebäude hat eine spannende Geschichte: Es gehörte ursprünglich der Familie Redolfi, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von Giovanni Castelmur, dessen Vater in Marseille als Zuckerbäcker wohlhabend geworden war, gekauft und umgebaut. Auch die alte Burg seiner Vorfahren auf der Porta hat er erworben (siehe den Eintrag bei Bondo/Promontogno). Scheint schon das Äussere des Palastes recht gewagt – die hauseigene Website spricht vom venezianisch-lombardischen Stil – ist das Innere ein wilder Wurf aus Barock-Zitaten und alter Ritterherrlichkeit.

Venezianischer Stil oder Zuckerbäcker-Architektur? Der Palazzo Castelmur
Venezianischer Stil oder Zuckerbäcker-Architektur? Der Palazzo Castelmur
Trompe -l'oeil an der Decke: der Palazzo Castelmur (Foto: U. Diels)
Trompe -l'oeil an der Decke: der Palazzo Castelmur (Foto: U. Diels)

Grossartig ist aber nicht nur die Architektur, sondern auch das Innenleben des Palazzo: Hier findet jedes Jahr eine neue Kunstausstellung statt und das oberste Stockwerk ist der Geschichte der Zuckerbäcker-Migration aus dem Bergell gewidmet.

Das zweite kulturelle Zentrum in Stampa ist die Chiäsa Granda, die sich heute ethnografisches Museum nennt, früher schlicht Tal- und Heimatmuseum. Interessant ist allerdings die Mischung an Exponaten: Ein Teil gehört der Kunst und zeigt einige wenige Werke der Giacometti-Familie und von Varlin; ein zweiter gehört der Talgeschichte (sie zeigt insbesondere die verschiedenen Handwerkszweige), ein dritter widmet sich der Naturgeschichte, zeigt Flora, Fauna und Geologie. Alle Teile sind liebevoll aufbereitet und beeindrucken auch durch den historischen Ausstellungsort, der in die Darstellung mit einbezogen wird. Dem Museum angeschlossen ist auch das Atelier Giacometti, das Giovanni und Alberto beide intensiv nutzten. Auf einen greifbaren Ort  wartet derzeit noch das Centro Giacometti, das die Auseinandersetzung mit der Künstlerfamilie hier vor Ort stärken will, bislang aber insbesondere Publikationen und eine App realisieren konnte.

Dorfmuseum Chiäsa Granda, rechts daneben das Geburtshaus von Augusto Giacometti
Dorfmuseum Chiäsa Granda, rechts daneben das Geburtshaus von Augusto Giacometti

Mit deren Hilfe kann man die Geschichte der Giacomettis im ganzen Bergell, aber insbesondere in Stampa wunderschön wandernd nachvollziehen. Begraben sind die Künstler auf dem Friedhof in Borgonovo, das etwas weiter im Tal hinauf liegt, denn die Kirche San Pietro hat keinen Friedhof (aber ein wunderschönes Gemälde von Augusto Giacometti). Empfohlen sei aber auch noch das Kapitel «Raues Paradies» im Band Wandern wie gemalt – Graubünden von Ruth Michel Richter & Konrad Richter. Auch sie haben sich laufend auf die Spuren der Giacomettis begeben und die Standorte einiger Bilder gesucht und gefunden. Sie beenden die Wanderung in Castasegna, wo der Architekt Bruno Giacometti (ein Bruder Albertos) eine Arbeitersiedlung, aber auch eine Bushaltestelle hinterlassen hat.

Handwerk in Stampa Coltura: Markante Bergeller Köpfe
Handwerk in Stampa Coltura: Markante Bergeller Köpfe

Noch heute wird insbesondere das Kunsthandwerk in Coltura gross geschrieben: Davon zeugt ein Schreinermeister, der Eulen, Tannenbäume und markante Holzköpfe an der Strasse ausstellt, aber auch ein Keramikatelier, wo Gebrauchsstücke und Skulpturen hergestellt werden. Stampa entpuppt sich so immer noch als Zentrum der Kreativität, an der auch BesucherInnen teilhaben können – egal ob als Gäste der Museen oder als aktive Teilnehmer an einem der Kurse, die hier angeboten werden.

 

Kannen, Tassen und Skulpturen: Das Atelier von Irma Siegwart
Kannen, Tassen und Skulpturen: Das Atelier von Irma Siegwart