Ursula Bauer, Jürg Frischknecht

Grenzland Bergell: Wege und Geschichten zwischen Maloja und Chiavenna

Zürich: Rotpunktverlag, 2003; 5. aktualisierte Auflage 2017

Kein Ausflug ins Bergell ohne diesen Klassiker! Seit Anfang der 1990er Jahre haben Ursula Bauer und Jürg Frischknecht das Genre Wanderbuch auf ein neues Niveau gehoben, weil sie das Interesse für die Natur mit dem für eine Kultur- und Sozialgeschichte verbunden haben. Unter ihren vielen ausgezeichneten Wanderbüchern ist das Bergell-Buch eine Perle.

Neben etwa 30 Beschreibungen von Wanderungen erfährt man Wissenswertes: über das Schmugglerwesen damals und heute, über den Bau der Bergeller Kraftwerke, über die Zuckerbäcker, die vom Bergell aus die Welt eroberten, oder die einstige Bierbrau-Metropole Chiavenna. Aber auch Anekdotisches: Warum sich Leni Riefenstahl und Luis Trenker in der Fornohütte stritten. Warum Giovanni Giacometti und Cuno Amiet tagelang im Val da Cam warteten.

Das schreibt sich alles so locker hin, aber die Recherchearbeit, die dahinter steckt, ist intensiv und setzte eine mehrjährige Beschäftigung mit der Landschaft und ihren Bewohnern voraus. Grossartig auch die Bebilderung des Bands mit vielen Fotografien von Andrea Garbald. In den 1980er Jahren von Hans Danuser wiederentdeckt, sind viele Bilder im Band von Bauer / Frischknecht das erste Mal abgedruckt (inzwischen gibt es auch den Katalog zur Ausstellung im Kunstmuseum Chur von 2014: «Andrea Garbald. Fotograf und Künstler im Bergell», hg. von Beat Stutzer).

Und schliesslich funktioniert der Band auch als schöner Wanderführer, der niemals überzogene Wanderzeiten angibt, detaillierte Infos zu Höhenmetern in kleineren Etappen bietet und so humorvolle wie sprachlich exzellente Beschreibungen der Wanderungen. Ein sinniger Eintrag zu «Tisch & Bett» stellt alle Hotels & Restaurants zwischen Maloja und Chiavenna vor (mit einem ausgeprägten Sinn fürs Kulinarische); das Kapitel «Winterfutter» schliesst das Buch mit einem Spaziergang durch den «Bergeller Bücherwald» ab, einer kommentierten Bibliografie über das Bergell.

Vor so viel Sachverstand, Interesse und Liebe kann man sich nur verneigen.

Giudo Lisignoli

Bergell – die schönsten Wanderungen

Lyasis Edizioni: Sondrio 2005

Das ist der zweite Klassiker, der uns im Bergell begleitet: ein sehr klarer Wanderführer des Alpinisten Guido Lisignoli, der selbst im Bergell (in Piuro) geboren wurde. Hier konzentriert man sich auf die Charakteristik der Wanderung und sortiert sie von Chiavenna aus an der linken Talseite nach oben (bis hin zur Wanderung auf den Piz Lunghin), dann auf der anderen Seite wieder hinab. Dabei sind auch einige Gipfelgänge, die schon fast ans Klettern rühren (wie etwa die Tour auf den Monte Sissone). Das Buch beschliessen drei Trekking Tipps und die Schilderung der Via Bregaglia. Zwischendurch gibt es einige Hinweise zu kulturellen Highlights.

Für mich war Lisignolis Wanderführer eine gute Ergänzung zu Bauer / Frischknecht: Es gibt die eine oder andere zusätzliche Wanderung, bunte Hochglanzfotos, die auf die Ein- und Ausblicke vorbereiten, interessante Exkurse zur Geschichte des Alpinismus im Bergell sowie Infos zu Landschaft, Geologie, Flora & Fauna. Mit Vorsicht zu geniessen sind gelegentlich Angaben zu Schwierigkeitsgraden und Zeitbedarf der Wanderungen: Hier schreibt ein Sportler und unerschrockener Alpinist!

Ludmilla Seifert-Uherkovich

Architekturrundgänge Graubünden: Bergell

Chur: Bündner Heimatschutz 2012

Das ist eine hübsche kleine Reihe, die der Bündner Heimatschutz publiziert: Handliche kleine Architekturführer, die sich auf das wesentliche konzentrieren und trotzdem einen Eindruck der Vielfalt vermitteln. Im Bergell werden insgesamt 25 Bauten vorgestellt und sie reihen sich (bestens durchnummeriert) von oben, Maloja, nach unten, Castasegna.

Auch die Auswahl ist interessant – nicht nur werden Hotels, Palazzi und Villen vorgestellt, sondern auch technische Bauten: Zum Beispiel die Majola-Passstrasse, die 1827 entstand und damals ein architektonisches Meisterwerk war. Oder den Albigna-Staudamm, der Ende der 1950er Jahre gebaut wurde. Heute kann man denkbar einfach mit einer Gondel nach oben fahren und (begleitet von grossartigen Aussichten) hinüberlaufen. Oder die Grotti von Bondo, die so in den Hang hineingebaut sind, dass die Lager im Sommer kühl und im Winter vom Frost verschont bleiben.

Manche Gebäude sind der Öffentlichkeit allerdings nicht zugänglich (und wenn man kritisch sein möchte, kann man bemerken, dass Infos dazu auch nützlich gewesen wären. Aber vermutlich ändern sich diese Dinge oft, während die Architektur zeitlos ist). Andere wiederum lassen sich bestaunen oder sogar als Hotel bewohnen. Ein durchaus nützlicher Führer, der sowohl in deutscher wie italienischer Sprache publiziert wurde.

Silvia Andrea

Das Bergell – Wanderungen in der Landschaft und ihrer Geschichte

hg. von Ch. Holliger & M. Widmer, Zürich: Chronos 2014 (Neu-Edition des Bands von 1901), mit einem Nachwort von Gian Andrea Walther

Silvia Andrea ist das Pseudonym von Johanna Garbald-Gredig, die 1840 in Zuoz geboren wurde, den Zollinspektor Agostino Garbald heiratete und über 75 Jahre im Bergell lebte. Sie schrieb (in deutscher Sprache) zwei Romane, einige Erzählungen und viele andere Texte. Darunter auch, als Auftragsarbeit, die Schilderung einer Reise durch das Bergell.

Neben der Ich-Erzählerin nehmen daran der alte Onkel Battista (zuständig für die lokale Historie und das Brauchtum) und der Berliner Tourist Rabe teil (zuständig für das Interesse an Bergbesteigungen und die allgemeine Neugierde, die einige Exkurse rechtfertigt). Teils zusammen, teils getrennt wandert man also nach Süden, informiert über die historischen Wege und die Geschichten der (ehemaligen) Bewohner des Tals. Wo sie selbst nicht gewandert ist, zitiert Silvia ihren Sohn, dessen Fotografien auch diesen Band schmücken.

Dass dieses «Wanderbuch» eher ein «kurzer Roman oder eine lange Erzählung» ist, auf jeden Fall aber ein literarischer Text, schreibt schon Gian Andrea Walther in seinem Nachwort. Die Wanderung durch das Bergell und seine Seitentäler behält stets eine Spannungskurve, deren vorläufiger Höhepunkt nicht oben auf dem Berg liegt, sondern eine Bauernhochzeit in Villa di Chiavenna schildert. Das abschliessende Motto des Buchs legt Silvia Andrea dem Berliner Tourist in den Mund: «Ich will Bergluft atmen, so lang ich kann!» Wanderzeiten, Höhenmeter und dergleichen gibts hier nicht – was auch zeigt, dass man früher weit weniger Daten im Kopf hatte, wenn man zu Fuss ging. Das macht das Buch aber nicht weniger interessant für die heutige Wandersfrau!

Ernst Lechner

Das Thal Bergell (Bregaglia) in Graubünden mit Chiavenna – Natur, Sagen, Geschichte, Volk, Sprache etc. nebst Wanderungen

Leizpig: Verlag von Wilhelm Engelmann, 1865

Nun wird es wirklich historisch: Schon 1865 entsteht der Wanderführer des prostestantischen Pfarrers Ernst Lechner, der einige Führer über Graubünden und insbesondere das Engadin schrieb. Offenbar war er gerne unter freiem Himmel unterwegs und das in einer Landschaft, die damals noch nicht auf einen Tourismus ausgerichtet war. Maloja noch eine Brache, Promontogno ohne das Hotel Bregaglia, in Soglio aber schon das «Wirthshaus von Landammann G. Giovanoli (früher in Berlin)» in einem «verkauften Salis'schen Palast». Gemeint ist offenbar der heutige Palazzo Salis, auch wenn diese Darstellungen im Widerspruch zu heutigen stehen: das Hotel in Soglio gehört noch immer der Familie und wurde nach Darstellung auf der Homepage auch erst 1876 als Hotel genutzt. War es doch ein anderes Haus? Sei's drum.

Sonst schlägt sich der Pfarrer wacker: Nicht nur berichtet er von zahlreichen Wanderungen, auch die «Natur», die Geschichte «nebst Sagen» und das «Volksleben» werden ausgiebig geschildert und gewürdigt. Jäger sind für ihn wichtige Ansprechpersonen, weil sie sich gut im Gelände auskennen und der Berufszweig der Bergführer um diese Zeit erst entsteht (vgl. etwa die Vita von Christian Klucker, einem Engadiner & Pionier des Alpinismus). Die Schrift von Lechner ist in doppelter Hinsicht interessant: nicht nur, weil er selbst sich auf Spuren der Geschichte bewegt, sondern auch, weil der Text inzwischen selbst eine historische Quelle geworden ist, in dem viele Details mit Aufmerksamkeit beschrieben sind.

Die Bergeller schätzt er als freiheitsliebende Eidgenossen, die sich kaum zu «Unterthanen» eignen. Abschliessend im Geschichtsteil zitiert er den italienischen Poeten und Republikaner Ugo Foscolo: «Hier war mir's vergönnt, einmal in allen Individuen eines Volkes die Menschenwürde zu ehren und dieselbe nicht in mir selbst zu fürchten. Hier schaue ich doch unsere Alpen und höre manchmal einen italienischen Laut um mein Ohr tönen. Und zudem, dass die Leute italienisch reden und doch frei sind (eine fast unerklärliche Erscheinung), besteht diese Republik aus den Rhätiern, die in ihrem Dialekte die Anfänge der Sprache Latiums rein bewahren.» (nach Della servitù d'Italia, pag. 250).

Dem ist nicht viel hinzuzufügen. Das PDF zum Selberlesen und Download gibt es hier gratis in einer ausgezeichneten und hochauflösenden Variante.