Das Bergell ist die Heimat der Künstlerfamilie Giacometti, die sich international einen Namen gemacht hat. Insbesondere Alberto Giacometti (1901–1966) gehört zu den Ikonen der klassischen Moderne, die ohne seine schmalen Plastiken nicht denkbar ist. Aber da sind auch noch seine Brüder: Diego (1902–1985), der Bildhauer und Designer, und Bruno (1907–2012), der Architekt. Und natürlich sein Vater, der Maler Giovanni Giacometti (1868–1933) sowie dessen Cousin, Augusto Giacometti (1877–1947).

Reist man als Kunstinteressierte*r ins Bergell, möchte man sich mit diesen Künstlern und ihren Arbeiten auseinander setzen. Auf dieser Seite will ich kurz & übersichtlich schildern, was es gibt und was man nicht erwarten kann.

Beginnen wir mit dem Fehlen: Im Bergell gibt es relativ wenig Werke der Familie. Das liegt daran, dass beispielsweise das gesamte Erbe von Alberto Giacometti in eine Stiftung überführt wurde (die Fondation Giacometti in Paris bzw. die Alberto-Giacometti-Stiftung in Zürich) oder die Werke der anderen in Museen und Archiven aufgehoben sind. Das Bergell hat kein Kunstmuseum. Was also gibt es vor Ort und wie erschliesst sich die Heimat dieser spannenden Künstlerfamilie?

Giacometti Ausstellung

Giovanni Giacometti, La posta / Die Post, attorno al 1907; mit Genehmigung Società culturale di Bregaglia
Giovanni Giacometti, La posta / Die Post, attorno al 1907; mit Genehmigung Società culturale di Bregaglia

In der Ciäsa Granda in Stampa ist im Sommer 2018 eine sehr schöne Ausstellung zu sehen, «Giovanni Giacometti e Cuno Amiet: Un'amicizia», die das Werk der beiden Künstlerfreunde vergleicht. Enthalten sind insbesondere viele Bilder, die im Bergell entstanden und die einheimischen Landschaften und ihre Menschen zeigen. Mehr zur Ausstellung einschliesslich Öffnungszeiten und vielem mehr auf meiner Seite Kultur aktuell.

Giacometti Atelier

Das Atelier, das insbesondere Giovanni und Alberto Giacometti nutzten
Das Atelier, das insbesondere Giovanni und Alberto Giacometti nutzten

Gleich neben der Ciäsa Granda in Stampa befindet sich ein Stall aus dem 18. Jahrhundert, den Giovanni Giacometti zu einem Atelier ausbaute, und das später auch viel von Alberto genutzt wurde. Hier kann man viele originale Möbel entdecken, aber auch zahlreiche Gebrauchsspuren bis hin zu Zeichnungen und Gemälden an den Wänden. Nach Anmeldung in der Ciäsa Granda bekommt man eine kompetente Führung (+41 81 822 17 16 oder info@ciaesagranda.ch).

Giacometti erlaufen

Natürlich gibt es im Tal zahlreiche Spuren der ganzen Familie: Da sind die Geburtshäuser in und um Stampa, die Gräber auf dem Friedhof von Bornonovo, einige wenige Werke im Talmuseum Ciäsa Granda, das Atelier von Giovanni und Alberto in Stampa. Um diese Orte zu entdecken, helfen zwei moderne Projekte, die das Centro Giacometti unter der Leitung von Dr. Marco Giacometti in Stampa entwickelt hat.

Augusto Giacometti, «Am Morgen der Auferstehung», Kirche San Pietro in Stampa
Augusto Giacometti, «Am Morgen der Auferstehung», Kirche San Pietro in Stampa

Giacometti Art Walk App

Die multimediale App funktioniert etwas komplex: Man lädt sie sich zunächst gratis aufs Smartphone, dort öffnen sich 6 Themenbereiche. Zu diesen kann man nun durch Anklicken «Themenwege» herunterladen; das sollte man tun, während man eine gute WIFI-Verbindung hat. Zuletzt ist noch das GPS des Handys zu aktivieren bzw. sicherzustellen, dass die App auch darauf zugreifen kann.

So präpariert sucht man sich das passende Thema, das sich jeweils um einen Ort gruppiert: Stampa, Chiavenna, Maloja, den Silsersee oder auch die Postautostrecke zwischen Sils Maria und Chiavenna sowie unter dem Titel «Leben und Tod» eine Wanderung durch Stampa und Borgonovo. Hier angekommen und startbereit öffnet man den entsprechenden Themenweg. Auf dem Display des Handys zeigen sich nun diverse markierte Punkte, zu denen man nun laufen kann (eine Reihenfolge ist nicht vorgegeben). Sobald man sich in den Einzugsbereich eines Punktes begibt, kann man die Infos abrufen. Die App ist sehr gut gemacht und vermittelt auf leichte Art viel Wissen über die Giacomettis. Daran finden nicht nur Kunstliebhaber, sondern auch deren Kinder vermutlich viel Spass.

Infos: https://www.giacomettiartwalk.com/de/

Unter dem Titel Pokémon für Kulturliebhaber hat Pia Wertheimer einen schönen Artikel über die App im Tagesanzeiger geschrieben.

Grabmal von Alberto Giacometti auf dem Friedhof Borgonovo
Grabmal von Alberto Giacometti auf dem Friedhof Borgonovo

Geführte Exkursion: Den Giacomettis auf der Spur

Das Centro Giacometti bietet in Zusammenarbeit mit dem Tourismusbüro Bergell einen zweitägigen Ausflug zum Thema «Giacomettis» an, der sowohl die Besichtigung der aktuellen Ausstellungen wie auch kleine Wanderungen zwischen Borgonovo und Stampa vorsieht. Das kann man individuell buchen und auch nach eigenen Wünschen realisieren. Kontakt: Centro Giacometti +41 81 834 01 40, www.centrogiacometti.ch, Bregaglia Engadin Turismo, +41 81 822 15 55, info@bregaglia.ch

 

Einst Zollpavillon, heute Bushaltestelle in Castasegna, Archt. Bruno Giacometti
Einst Zollpavillon, heute Bushaltestelle in Castasegna, Archt. Bruno Giacometti

Architektur: Bruno Giacometti im Bergell

Keinen besonderen Rundweg gibt es bislang für die Architektur von Bruno Giacometti. Allerdings hat die Bergell-Kennerin Prisca Roth eine sehr schöne Wanderung für den Band Himmelsleiter und Felsentherme: Architekturwanderungen in Graubünden beschrieben. So lässt sich von Maloja (wo Bruno das Postamt gestaltet hat) über Vicosoprano (Arbeitersiedlung) nach Stampa (Schulhaus) und Castasegna wandern, wo ebenfalls eine Arbeitersiedlung sowie der knallrote Zollpavillon entstand (heute die Bushaltestelle Castasegna Vecchia Dogana).

Prisca Roth: «Bergell – Kraftwerke für Strom und Seele», in: Himmelsleiter und Felsentherme: Architekturwanderungen in Graubünden, hg. von Köbi Gantenbein, Marco Guetg, Ralph Feiner. Zürich: Rotpunkt Verlag 2009, S. 278–311.