Maloggia, Malögia, Maloja – egal ob eher italienisch, rumantsch oder deutsch; der Ortsname bezeichnete ursprünglich nur den Pass, der sich vom Hochtal des Inn («Engadin») in das der Orlegna und der Maira hinabstürzt. Das spürt man bis heute daran, dass der Ort seltsam zerfasert scheint und kein wirkliches Zentrum besitzt. Er ist nicht organisch als Dorf gewachsen, sondern folgte einer Idee: Als Feriendomizil hat der belgische Graf Camille Frédéric de Renesse Maloja entworfen, im Sinn hatte er allerdings noch Grösseres – eine Kurmetropole aus der Retorte für die Aristokratie, samt Bädern, Reitbahn & Golfplatz  (man denkt an das Andermatt-Projekt von heute).

Nachdem das dominierende Grandhotel gebaut war, ging dem Grafen allerdings das Geld aus. Was blieb, ist ein Sammelsurium von Gebäuden, die alle um 1885 entstanden sind und einen mehr als eklektizistischen Stil pflegen: Zwischen Chalet (wie das Hotel Schweizerhaus) und Neorenaissance (wie das Maloja Palace), Fantasie (Chiesa Bianca) und Neogotik (Reformierte Kirche). Der Torre Belvedere – der einst zu dem kleinen Palast gehörte, das der Graf für sich selbst als Residenz geplant hatte – hingegen sieht aus wie ein mittelalterlicher Befestigungsturm, wie man ihn auf dem Hügel von Promontogno sehen kann.

Die Ebene von Maloja. Im Hintergrund das Grandhotel, links vorne die Villa La Rosée.
Die Ebene von Maloja. Im Hintergrund das Grandhotel, links vorne die Villa La Rosée.

Heute ist Maloja ein eher ruhiger Tourismusort. Angeschlossen ans Oberengadin fehlt ihm das Mondäne von St. Moritz oder das Kulturumtriebige von Sils. Im Winter versammeln sich hier gerne die Langläufer, die den Einstieg in die endlosen Loipen über die Seenplatte nehmen. Im Sommer ist es Ausgangspunkt für zahlreiche Touren, denn es lässt sich in vier Richtungen starten: Entweder östlich ins Engadin oder westlich ins Bergell, nördlich hinauf zum Lunghin-Gipfel, -Pass & -See (und weiter über den Septimer) oder südlich ins Fornotal, zum Cavlocsee und Murettopass (vgl. meine Seite Wege, wo einige Wanderungen geschildert werden). Wunderschön ist auch der Weiler Isola, der ebenfalls zu Maloja gehört. Auf einem Schwemmkegel am südlichen Silsersee gelegen, liegt er perfekt auf halber Strecke Richtung Sils Maria, egal ob man im Winter über Eis, im Sommer am See entlang spaziert.

Wege in alle Richtungen: Schilder bei Maloja Posta
Wege in alle Richtungen: Schilder bei Maloja Posta

Aber auch kulturell hat Maloja einiges zu bieten: Hier lebte der Künstler Giovanni Segantini (1858–1899) in seinen letzten Jahren mit seiner Familie im «Kuoni-Chalet». Er liess sogar einen Anbau anfertigen, Atelier und Modell eines 360° Panoramas zugleich, das für die Weltausstellung 1900 vorgesehen war. Wie viele Projekte in Maloja scheiterte auch dieses an den Finanzen. Aber das Atelier kann man heute besichtigen, zudem führt der «Sentiero Segantini» (ein etwa 2-stündiger Spaziergang) zu vielen Stationen, an denen Segantini malte, und endet an seinem Grab auf dem Friedhof Maloja. Wer seine Kunst sehen will muss allerdings nach St. Moritz ins Segantini-Museum. Auf den Bildern sieht man häufig das Bergell, denn im Winter wohnte und malte Segantini in Soglio.

Das Atelier Segantini in Maloja
Das Atelier Segantini in Maloja

Es gibt aber noch ganz andere kulturelle Spuren in Maloja: Wer sich Richtung Süden aufmacht, kommt in die sanfte Landschaft von Orden, die zudem von einem riesigen Rückhaltebecken geprägt ist. Dieses schützt das Bergell vor den Fluten, die die Orlegna bei Unwetter talabwärts schickt. Hier fallen bunte Säulen auf, sie gehören zum Kunstprojekt Culur, das der Konstruktivist Gottfried Honegger 1997 für dieses Zusammenspiel von Natur und Technik erfand. Diese Kunst am Bau wiederum hat viel mit einem anderen Player der Gegen zu tun – dem Bildungs- und Ferienzentrum Salecina. Gegründet von Theo und Amalie Pinkus, ist der ehemalige Bauernhof heute nicht nur internationale Begegnungstätte, sondern auch Vorbild für eine ökologisch-verträgliche Nutzung des Alpenraums. Immer wieder wird sowohl die Selbstverwaltung der Stiftung wie auch der Ausbau des Hauses kritisch entwickelt. Heute gibt es 56 Betten, die so preiswert sind, wie keine anderen in der Gegend – auch weil alle Besucher_innen in Küche und Haushalt mithelfen.

Bildungs- und Ferienzentrum Salecina, im Vordergrund eine Säule von «Culur»
Bildungs- und Ferienzentrum Salecina, im Vordergrund eine Säule von «Culur»
Staumauer bei Orden – ebenfalls von bunten Säulen gekrönt
Staumauer bei Orden – ebenfalls von bunten Säulen gekrönt

Verstecken muss er sich also nicht, dieser auf dem Reissbrett entworfene Kurort. Geologisch ist er sogar eine Sensation, denn hier fällt ein Hochtal in ein niedriger gelegenes und bildet einen einseitigen Pass. Und ein wenig oberhalb von Maloja liegt der wichtigste Wasserscheidepunkt Europas: ein Tropfen, der am Lunghin-Pass fällt, kann sich aussuchen, ob er in der Nordsee, dem Mittelmeer oder dem Schwarzen Meer endet. Und nicht zuletzt kann man hier mehr Gletschertöpfe sehen als sonst in Europa. Ganz schön viele Superlative für solch ein kleines Dorf.