Wer nach Vicosoprano kommt, atmet Geschichte. Hier steht beispielsweise der einzige erhaltene mittelalterliche Rundturm Graubündens, der Senvelenturm aus dem 12. Jahrhundert. Geschickt hat man ihn 300 Jahre später in den Neubau des Rathauses integriert und zum Gefängnis gemacht – das Gerichtsgebäude lag schliesslich gleich daneben. Aber auch Kirchen und Patrizierhäuser erzählen vom damaligen Wohlstand und Macht dieses kleinen Dorfes im Bergell.

Noch heute ist es das wirtschaftliche Zentrum der Gemeinde, nur hier gibt es einen Metzger, eine Weinhandlung, eine Latteria, aber auch Dienstleistungsbetriebe wie eine Bank, die Regionalentwicklung und Webdesigner (mehr über Einkaufsmöglichkeiten im Bergell auf meinen Konsum-Seiten). Auch die Schule ist hier, eine zweite zweisprachige gibt es oben in Maloja. Entsprechend sprudelt Vicosoprano vor Leben – viele wohnen hier und für die anderen gibt es stets einen Grund, hier vorbeizukommen: für den Einkauf, zur Arbeit, zur Schule.

Der Dorfplatz in Vicosoprano, im Hintergrund die Spitzen der Spazzacaldeira
Der Dorfplatz in Vicosoprano, im Hintergrund die Spitzen der Spazzacaldeira

Das hat auch mit der Lage von Vicosoprano zu tun. Es liegt zwar oberhalb der Porta, gleichzeitig aber etwa in der Mitte des Tals. Es ist gut erreichbar, sowohl von Norden, wie auch von Südwesten. Das Klima ist noch relativ rauh, häufig wehen kalte Winde vom Piz Cam (2634), dem Hausberg. Gleich gegenüber steht der Piz Cacciabella (2980), das macht das Tal an dieser Stelle recht schmal und sorgt für längeren Winterschatten.

Trotzdem finden sich hier auf 1087m über dem Meer die ersten Obstbäume und Gärten, wohl geschützt zwischen Steinmauern. Und es hat viele (teils historische) Bauernhöfe, die sich am Hang in Richtung Roticcio hochziehen – überall sieht man Kühe, aber auch Schafe, Hühner und vereinzelt Schweine.

Prachtvolle Engadinerhäuser unter dem Piz Cam
Prachtvolle Engadinerhäuser unter dem Piz Cam

Dem Wetter trotzen die alten Engadinerhäuser – dick sind die Mauern, aber spielerisch verziert mit den schönsten Sgraffiti im ganzen Bergell. Mal sieht man spielerisch-verschlungene Blumenmuster und Muscheln, dann wieder abstrakte Reihen, die streng an den Hauskanten und Fenstern entlanglaufen. Gelegentlich deuten die Bilder auch auf den Zweck des Hauses, wie etwa die Allegorien der Gerechtigkeit (eine Justitia mit Waage und Schwert, aber ohne Augenbinde) und Mässigkeit (sie mischt den Wein mit Wasser) am Gerichtsgebäude. Etwas schauriger sind der alte Pranger und die Folterkammer, wo Straftäter, aber auch angebliche Hexen gequält wurden – und dies, obwohl das Bergell seit Mitte des 16. Jahrhunderts protestantisch ist.

Justitia (links) und Te(m)pera(n)tia am Pretorio, der dramatische Schatten gehört einem vergitterten Fenster
Justitia (links) und Te(m)pera(n)tia am Pretorio, der dramatische Schatten gehört einem vergitterten Fenster

All diese Sehenswürdigkeiten – zu denen auch noch die Kirche San Cassiano aus dem 1. Jahrtausend gehört – machen Vicosoprano zu einem Ausflugsziel erster Klasse. Hier gibt es entsprechend auch noch zwei Hotels, das Corona und das Piz Cam, in beiden kann man auch sehr gut essen. Oberhalb des Ortes liegt ein Campingplatz am Ufer der Maira, hier gibt es sogar einen kleinen Badesee, den einzigen direkt im Tal, sieht man vom Cavloc und Bitabergh ab, die oberhalb von Maloja liegen. Die übrigen Gewässer sind zu gefährlich zum Baden: in den Stauseen ist es verboten, die Maira kann sich als Flusslauf hinter einem Stausee ebenfalls in ein reissendes Gewässer verwandeln.

Bei Vicosoprano wird die Maira zudem noch durch das Wasser der Albigna verstärkt, die weit oben im Seitental seit 1959 von einer eindrucksvollen Mauer gestaut wird. Sie liefert Strom nach Zürich und versorgt das Tal mit grosszügigem Wassergeld. Die Staumauer ist durch eine Versorgungsgondel erschlossen, die im Sommer (Mitte Juni bis Mitte Oktober) auch touristisch genutzt werden kann. Das freut insbesondere die Kletterer, die den Granit der Spazzacaldeira lieben und die steilen Zacken wie die Fiamma erklettern. Wanderer können mindestens bis zur Albigna-Hütte spazieren, die Tour über den Pass da Casnil Sud ins Fornotal ist allerdings für Fortgeschrittene (T4-5). An der Talstation der Gondel gelegen offeriert das Hotel Pranzaira äusserst günstige Preise.

Beginn des Sentiero Panoramico: Casaccia, oben die Albinga-Staumauer
Beginn des Sentiero Panoramico: Casaccia, oben die Albinga-Staumauer

Für weniger Geübte bietet sich von Vicosoprano aus der Einstieg in die Via Bregaglia , den Panoramico oder auch die anspruchsvolleren Wanderungen Richtung Val da Cam & Cadrin.