Bondo ist im letzten Sommer eine traurige Berühmtheit geworden – für geraume Zeit wird der Dorfname mit dem Felssturz und den anschliessenden Murgängen verbunden bleiben. Vorerst liegt der Schutt noch wie eine Wunde im Tal und zeugt von der Macht der Berggipfel: So wie sie sich stetig bilden, werden sie auch stetig abgetragen und brechen zu Tal.

Selten jedoch trifft es Siedlungen mit solcher Macht wie nun Bondo oder auch die Siedlungen Spino und Sottoponte: Sehr viel Gestein (insgesamt etwa 4 Millionen Kubikmeter) ist zwischen dem 23.8. und dem 15.9.2017 vom Piz Cengalo abgebrochen. Ein Teil davon wurde aus dem Val Bondasca bis in das Haupttal der Maira geschwemmt. Nun muss dieses Geröll abtransportiert werden, beschädigte Strassen & Brücken wieder repariert werden. Ich kann an dieser Stelle nicht laufend über den Stand der Dinge informieren. Die Gemeinde Bergell hat hierfür eine besondere Website aufgeschaltet.

Blick auf Bondo im Oktober 2017: Westlich des Dorfes wird der Schutt vom Bergsturz gelagert.
Blick auf Bondo im Oktober 2017: Westlich des Dorfes wird der Schutt vom Bergsturz gelagert.

Inzwischen sind viele Reparaturarbeiten abgeschlossen, die Wege alle wieder begehbar. Bondo und Promontogno fliessen ineinander, sie bildeten schon vor der Zusammenlegung der Gross-Gemeinde «Bregaglia» eine politische Einheit und sollen auch hier nicht getrennt werden. Das entspricht auch der Geografie: Beide Dörfer liegen gleich unterhalb der Porta, dem grossen Felshügel, der einst einen wichtigen Wachtposten bildete. Promontogno wirkt, als habe es einst als Versorgungsstation für diese Burg «Castelmur» – nicht zu verwechseln mit dem heutigen Schloss Castelmur, das zu Stampa gehört – gedient. Sie spielte lange Zeit eine wichtige militärische Rolle, noch heute kann man Teile der Befestigungsanlage besichtigen, wenn man auf den Hügel steigt. Oben findet man allerdings ebenso eine Kirche, Nossa Donna, und eine hübsche Villa. Beides liess der Baron Castelmur erbauen, der aus dem alten Rittergeschlecht stammt, aber dessen Reichtum mit der Zuckerbäckerei in Marseille erwirtschaftet wurde.

Blick auf die Porta von oben: Wehrturm, Kirche Nossa Donna & Villa Castelmur
Blick auf die Porta von oben: Wehrturm, Kirche Nossa Donna & Villa Castelmur
Garten und Wohnhaus in Promontogno
Garten und Wohnhaus in Promontogno

Heute kommt man hier nur vorbei, wenn man den Wanderweg hinauf nimmt, die Strasse wurde bereits im 19. Jahrhundert in einen kleinen Tunnel oberhalb der Maira geschickt. Ende des 20. Jahrhunderts entstand der grosse Strassentunnel, der sowohl den Ortskern von Promontogno wie auch den von Bondo umgeht.

Beide Orte sind entsprechend ruhige kleine Oasen geworden, Promontogno dominiert vom Bau des Hotel Bregaglia, der um 1876 entstand. Mit seinen abgewinkelten Flügeln, die sich dem Tal zuneigen, und dem Turm in der Mitte wirkt es wie ein Empfangskomitee im Bergell. Früher haben hier die wohlhabenden Reisenden aus Italien Station gemacht, schliesslich musste man sich an die Höhe akklimatisieren. Aber auch heute ist der kleine Palast voller Leben: Im grossartigen Interieur – die Belle-Epoque lässt grüssen – finden immer wieder Kunstausstellungen statt.

Wie ein Empfangskomittee im Bergell: Das Hotel Bregaglia mit Turm und Flügeln
Wie ein Empfangskomittee im Bergell: Das Hotel Bregaglia mit Turm und Flügeln

Sonst ist Promontogno hauptsächlich Postautostation, hier wechselt man den Bus, wenn es hoch nach Soglio geht. Hier ist die einzige Post des Bergells untergebracht. Und hier liegen die Mühle und der Laden Scartazzini, die gerade ein neues Wasserkraftwerk erhalten.

Richtung Bondo führt eine kleine Strasse, die von Grotti gesäumt ist (siehe Header-Foto). Seit Ende April ist hier eine Hängebrücke, die für Fussgänger und Radfahrer passierbar ist. Wunderbar filigran schwebt sie über dem Desaster und ist unbedingt einen Ausflug wert. Rechts zum Tal hin steht das schönste Gemeindeamt der Schweiz, auch wenn momentan niemand Anna Giacometti um ihr Büro beneiden wird.

Zentrale Piazza in Bondo mit Negozio Osteria Salis
Zentrale Piazza in Bondo mit Negozio Osteria Salis

Bondo selbst ist grösser, als man es zunächst annimmt: Dicht zusammen stehen die Häuser, gleichwohl finden sich auch hier immer wieder Gärten und Obstbäume. Und: nahezu alle Häuser sind renoviert, gepflegt und bewohnt. Das trifft auch auf den hiesigen Salis-Palast zu – er ist im Besitz des englischen Zweigs der Salis-Familie, ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich, aber eine tolle Beschreibung gibt es bei SwissCastles.

Das zweite architektonische Highlight ist die Kirche von San Martino, die im 13. Jahrhundert erbaut und immer wieder ergänzt wurde. Auch sie fiel in der Reformation dem Bildersturm zum Opfer, bei Renovierungsarbeiten in den 1960ern wurden noch wunderschöne Fresken sowohl an der äusseren Fassade wie auch in der Apsis und im Kirchenschiff gefunden und gerettet. Heute gilt sie als Schmuckstück unter den Kirchen des Schweizer Bergells.

Die Kirche San Martino in Bondo mit ihren Fresken gehört zu den schönsten des Bergells
Die Kirche San Martino in Bondo mit ihren Fresken gehört zu den schönsten des Bergells
... das zeigt sich auch innen: Abendmahl mit Fischen, Krebsen und Artischocken
... das zeigt sich auch innen: Abendmahl mit Fischen, Krebsen und Artischocken

All diese Sehenswürdigkeiten sind zugänglich – von der Kantonsstrasse aus kann man mit dem Auto nach Bondo hineinfahren. Der schöne Wanderweg von Castasegna her (Teil der Via Bregaglia) führt ebenfalls mitten ins Dorf. Seit die Hängebrücke eröffnet ist, erreicht man von Bondo auch wieder die andere Flussseite und Promontogno.

Die Wege hinein in die Bondasca sind derzeit gesperrt, die Hütten dort momentan geschlossen. Allerdings arbeitet die Gemeinde schon an einem neuen Pfad zur Sasc Furä Hütte, der noch diesen Sommer fertig werden soll. Wie eine neue Verbindung zur Sciora-Hütte aussehen könnte, ist noch nicht klar.

Trotz aller Gefahren aber bleibt die Bergkulisse zwischen Piz Badile, Piz Cengalo, Sciora-Gruppe und Piz Cacciabella eine der schönsten, die ich kenne. Schroff ragen die oft verschneiten Berggipfel über die sanfte Landschaft des Bergells und schaffen einen herben Kontrast. Schönheit und Schrecken, das wusste schon Solgio-Besucher Rainer Maria Rilke, liegen dicht beisammen.

 

Extrem beeindruckend: Piz Badile (rechts) und der bröckelnde Cengalo (links)
Extrem beeindruckend: Piz Badile (rechts) und der bröckelnde Cengalo (links)